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Wenn westliche Logik auf thailändische Lebensart trifft

Kollektivismus, Karma und das Lächeln: Ein tieferer Blick in die thailändische Gesellschaft

Traumhafte Strände und eindrucksvolle Nationalparks sind Grund genug für eine Reise nach Thailand. Doch wer sich aufmacht um neben Land auch Leute kennenzulernen, bereichert seinen Aufenthalt um ein Vielfaches. Auf geht´s, lernen wir die Thais ein wenig kennen! Wer, wie, was - wieso, weshalb, warum? Diese harmlose Zeile aus dem Sesamstraßenlied bringt da vieles auf den Punkt.

Ein thailändischer Tuk-Tuk-Fahrer hält in der Mittagshitze ein Nickerchen auf der Rückbank seines bunten Fahrzeugs.
Sabai Sabai: Ein schlafender Tuk-Tuk-Fahrer nutzt die Mittagspause für ein entspanntes Nickerchen im Schatten seines eigenen Taxis.

Thailändische Gesellschaft: immer in Gesellschaft

Für ein erstes Verständnis reicht es bereits sich zu vergegenwärtigen, dass die westlichen und die asiatischen Gesellschaften grundverschieden ticken. Noch. Wir im Westen sind stets bemüht unsere Individualität möglichst ungehindert auszuleben. In Asien zählt dagegen hauptsächlich das Kollektiv, der Gemeinsinn.

Kollektivismus, das bedeutet der Zusammenhalt von Familie, Dorfgemeinschaft, Nationalität steht über dem Wohl des Einzelnen. Für Vokabeln wie Selbstverwirklichung, Me-Time und Selbstliebe gibt es keine Thai Wörter, sie spielen keine spürbare Rolle im Leben der Thais. 

Individualismus ist dann das Gegenteil und dürfte uns bekannt sein. In seiner extremen Form ist Individualismus genau so ungesund wie ein absoluter Gemeinsinn (Kollektivismus). Da ist China in Teilen immer noch ein abschreckendes Parade(!)Beispiel. Beide Gesellschaftsformen sind ständig in Bewegung. Der Westen ist gerade dabei das gesunde Maß in Sachen Individualismus zu überschreiten. Sehr zum Nachteil des gesellschaftlichen Zusammenlebens. In den asiatischen Gesellschaften streben dagegen mehr und mehr kleine Egos zaghaft ihren ersten Trips entgegen. Das Internet erleichtert diese Entwicklung.

Hier Eigenständigkeit und persönliche Freiheit, da Loyalität und gegenseitige Verpflichtungen. Extreme, egal ob kollektiv oder vereinzelt, sind immer unerträglich. Eine gesunde Balance zu finden scheint in allen Belangen eine Menschheitsaufgabe. 

Eine Gruppe lachender junger Thailänder feiert das Songkran-Fest, ist nassgespritzt und trägt weißes Puder im Gesicht.
Songkran: Das thailändische Neujahrsfest ist eine wilde Mischung aus ritueller Reinigung und der wohl größten Wasserschlacht der Welt.

Tradition und Religion

Dazu ein paar Beispiele aus der Praxis. In Thailand beobachten wir, wie Thais aller Schichten und jeden Alters eifrig die Tempel besuchen. Morgens werden die Mönche in den Straßen mit Speisen beglückt. Von der Geburt, über den Hausbau bis zum Tod, Mönche sind bei jedem Lebensabschnitt anwesend. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Übergabe der Kuverts mit Geld. Diese sollen auf beiden Seiten das Leben positiv beeinflussen. Bei den Mönchen dürfte der Vorteil auf der Hand, manchmal auch auf den Hüften, liegen. Bei den Spendern muss man ein wenig um die Ecke denken. Sie erkaufen sich damit ein gutes Karma. Eine Art Ablasshandel, der ja auch aus anderen Religionen bekannt ist. 

Das Besondere und Schätzenswerte der thailändischen Religionsausübung ist die undogmatische Mischung, ein lebensfroher Mix aus Buddha, Ganesha und Geisterglauben. Alle mit ihrem eigenen Zuständigkeitsbereich. Um ganz persönliche Belange geht es bei der Geistersache. Sie sind allgegenwärtig, auf Bergen, in Einkaufszentren und in den Häusern. Es gilt sie stets bei guter Laune zu halten, damit sie nicht auf böse Ideen kommen. Dafür geht es dann jeden Morgen mit Räucherstäbchen, Fantaund Klebereis raus zum Geisterhäuschen.

Farbenfroh geschmückte Elefantenstatuen mit leuchtenden Blumengirlanden an einem thailändischen Schrein unter strahlend blauem Himmel.
Glauben im Alltag: Bunte Blumengirlanden und Elefantenstatuen sind Symbole der Verehrung und des Schutzes an thailändischen Kraftorten.

Prinzip leben und leben lassen

Neid ist eher keine ausgeprägte Eigenschaft der Thais. Es wird gegönnt und gegeben. Pragmatisch gesehen, geben die Thais großzügig Geld und Gaben für ein gutes Karma, für jetzt und für das nächste Leben. Je nach Glaubenstiefe. Eigentlich ganz schön egoistisch, was? Sei´s drum. Was mit dem gespendeten Geld passiert, ob der Abt eine Rolex kauft, ein neues Tempelgebäude entsteht oder eine Armenspeisung ausgerichtet wird, das ist schon nicht mehr so interessant. 

Erstaunlich zu sehen, wie die Thais in den Dörfern mal in diesem, mal in jenen Laden einkaufen, ungeachtet der Preislage und des Angebotes, einfach nur, damit jeder etwas abkriegt. Sie kaufen Jasminkränze und Reisfladen an der Ampel, Bananen von der alten Frau, die ihre Gartenernte vor dem Haus feil bietet. Der Thai gönnt und gibt und kauft gern weit verstreut. Das ist sehr sympathisch, gibt ihnen ein gutes Gefühl und peppt das Karma auf.

So lernen die Thais

Der nächste Themenkomplex, der viele erstaunliche Verhaltensweisen der Thais erklären kann, ist sehr interessant. Hier treffen wir auch wieder auf das lustige Sesamstraßenlied:"Wer, wie, was - wieso, weshalb, warum?" 

Das thailändische Bildungssystem ist, bis auf einige Ausnahmen von Privatschulen, streng hierarchisch aufgebaut. Das heißt, der Lehrer hat immer recht. Lehrern, älteren Menschen und Menschen in höheren Positionen widerspricht man nicht. Das ist noch tief verankert. Irgendeinen Lernstoff, eine Aufgabe aus neugierigem Interesse näher zu hinterfragen ist nicht üblich. Die traditionelle Art zu lernen ist nach wie vor durch Nachahmung. Egal ob beim Sport oder bei Fremdsprachen, Übungen werden so lange wiederholt bis es sitzt. Keiner fragt hier nach einem nachvollziehbaren Hintergrund für ein besseres Verständnis, um es später auf andere Sachverhalte übertragen zu können. 

Im thailändischen Sesamstraßenlied würde es daher nur heißen:"Wer, wie, was?" Das hat natürlich deutliche Auswirkungen auf das tägliche Leben der Thais, auf ihre Arbeit und die Art und Weise, wie sie ihre Probleme lösen.

Niemals Kolonie gewesen

Und auch das spürt man noch heute im thailändischen Alltag. Das Beste was den Thais passieren konnte ist, dass nie ein westliches Land ihre Gebiete erobert hat. Während des Indochina Krieges ging es rund herum heiß her. Doch Thailand hielt sich raus und diente lediglich den amerikanischen Soldaten als erholsames Feriendomizil auf Fronturlaub. Soweit so stolz und gut. Kleine Vorteile, die den Thais dadurch entgangen sind, wie zum Beispiel die Beherrschung einer zweiten Fremdsprache oder das Kennenlernen alternativer Lebensformen und Lernsysteme, kompensieren sie selbstbewusst mit Charme, Stolz und Ignoranz.

Die thailändische Sprache ...

... ist nicht so einfach zu erlernen. Allein schon, weil es sich um eine tonale Sprache handelt. Sie erfordert das differenzierte Hören und Sprechen von Lauten, was unsere westlichen Ohren und Stimmritzen überfordert. Doch damit nicht genug, auch die Art und Weise der Mitteilung von Informationen ist, sagen wir mal, recht ungewohnt für uns. 

Bestimmt hat sich schon manch einer gewundert, warum der Thai Freund, der ja nur nach der Bushaltestelle fragen sollte, sich stundenlang mit dem Typen am Counter unterhält. Kennen die sich näher? Während wir darüber nachdenken und nach einer Sitzgelegenheit Ausschau halten, geht das Gespräch munter weiter. Thais sehen keinen Grund sich kurz zu fassen und, das ist ausschlaggebend, sie setzen nichts voraus. Ein Beispiel gefällig? 

Western Version: "Ich bin gestern mit dem Bus gefahren und war um acht Uhr zu Hause." 

Thai Version: "Ich bin gestern nach Feierabend die Straße runter und immer geradeaus gegangen. Bis zur Bushaltestelle. Dort habe ich gesessen und auf den Bus gewartet. Der Bus kam und ich stieg ich ein. Zwei Haltestellen bin ich mitgefahren. Dann stieg ich aus. Ich bin von der Haltestelle nach Hause gegangen. Es war acht Uhr." 

Ereignisse werden aneinandergereiht wiedergegeben. Nichts wird vorausgesetzt, so nach dem Motto, wenn ich gestern um acht zu Hause war, dann werde ich schon irgendwie da hingekommen sein. Das ist, neben der Liebe für regen Austausch, der Grund, warum kurze Gespräche in Thailand sehr selten sind. 

 Drei junge, lachende buddhistische Novizen in safrangelben Roben, die fröhlich beieinandersitzen.
Das Lächeln des Buddhismus: Auch im klösterlichen Leben der jungen Novizen spielen Gemeinschaft und Lebensfreude eine zentrale Rolle.

Das Wundervolle Hier und Jetzt

Viel Fragen über thailändische Vorgehensweisen lassen sich ganz einfach mit dem Satz beantworten: Because it´s easy. Bitte mal selbst ausprobieren. Das scheint eine Zauberformel. Wir brauchen ja immer einen logischen Grund für alles. Die Thais nicht. Sie sind ein von Sonne, Regen, Natur und Frieden verwöhntes Volk. Planen und sparen für die Zukunft sind für die meisten jenseits ihrer Vorstellungskraft. Probleme jeglicher Art werden schnell gelöst, meist provisorisch, damit es erst einmal weiter geht. Was später kommt sehen wir, wenn es soweit ist. Es ist gerade dieses verankert sein im Hier und Jetzt, was wir so an den Thais lieben und was uns ein ums andere Mal auch auf die Palme bringen kann. Vielleicht ein guter Ort für uns Farangs, können wir da oben gleich ein paar Kokosnüsse ernten.

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